Logik bringt dich
von A nach B

Phantasie überall hin

(A. Einstein)

Interviews und Artikel von Marc Stoll als Blog:

Ich werde regelmässig von Zeitungen und Zeitschriften um Interviews zu aktuellen Themen gebeten. Unten finden Sie die Interviews und Artikel als Blog.

20 Minuten

Wie umgehen bei Cybermobbing?

mobbing

«Ein krasses Beispiel, das die Leute aufschreckt»

Interview erschienen am 1. Oktober 2018 in 20 Minuten

Weil sie einem Mädchen mit dem Tod drohte, wurde eine 17-Jährige verurteilt. Trotz der leichten Strafe sieht ein Experte eine abschreckende Wirkung.

Eine Jugendliche aus Dietikon ZH blickt in die Kamera und sagt: «Also, du kleine Nutte. Wir finden dich schon. Du wirst genauso sterben wie Sabrina.»

Herr Stoll, was bedeutet das Urteil gegen die 17-Jährige, die das «Du wirst sterben»-Video erstellte?
Es ist sicherlich ein Urteil mit Signalwirkung, das vielen Jugendlichen nun zeigt: Andere so zu bedrohen und zu mobben, kann ernsthafte Konsequenzen haben. Der Fall aus Spreitenbach ist ein krasses Beispiel, das die Leute aufschreckt.

Adriana wurde lediglich mit einer «persönlichen Leistung» bestraft. Schreckt das Mobber tatsächlich ab?
Ja, denn es geht mehr um ein Signal – im Sinne von: Ein solches Video zu machen, ist falsch. Die jugendlichen Täter sind sich der Auswirkungen ihres Mobbings oft gar nicht bewusst. Sie denken gar nicht so weit. Da ist so ein Urteil wichtig. Es wird aber natürlich weiterhin Jugendliche geben, die so weit gehen wie die Täterin in diesem Fall. Wer eine impulsive Persönlichkeit hat, der handelt, bevor er die Folgen abschätzen kann.

Ist das Mobbing auf Social Media einfacher als im persönlichen Kontakt?
Die Hemmschwelle ist sicher tiefer, und die Reaktion ist weniger sichtbar. Ausserdem kann man auch aus der Anonymität heraus mobben. Wenn einer einmal anfängt, einen gemeinen Kommentar zu schreiben, fühlen sich andere ermutigt, noch gemeiner zu sein. Die Täter geraten in einen Sog. Allerdings kann ich aus meiner Erfahrung sagen: Wer auf Social Media gemobbt wird, erlebt dies auch im realen Leben, es beschränkt sich nie nur auf einen Kanal. Und: Cybermobbing hinterlässt Beweise.

Was heisst das?
Beleidigungen auf dem Schulhof lassen sich schwer nachweisen, Mobbing-Videos und beleidigende Nachrichten sind für die Opfer zwar schlimm, aber man kann sie zumindest speichern und als Beweis vorlegen. So glauben einem Dritte einfacher und die bösen Kommentare oder Drohungen fahren schwarz auf weiss viel stärker ein als eine Erzählung. Wenn Eltern sehen oder lesen, was ihr Kind getan hat, reagieren sie schneller.

Warum mobben denn Jugendliche überhaupt?
Da gibt es natürlich verschiedene Motivationen. Jugendliche lernen gerade erst, sich in einem sozialen Gefüge eigenständig zu bewegen, sie merken wie sie auf andere wirken und wollen sich in der Gruppe beweisen. Ein Weg dazu ist natürlich, andere schlecht zu machen. Die meisten Täter verstehen aber nicht, was sie damit auslösen und hören auf, sobald man interveniert und ihnen klarmacht, wie stark das Opfer leidet. Es gibt aber natürlich auch Täter, die gezielte, böse Absichten haben. Diesen kann man nur mit Sanktionen Einhalt gebieten; etwa dass die ganze Klasse ihnen sagt: «so nicht».

Welche Folgen hat denn das Mobbing für die Opfer?
Den Opfern wird der Boden unter den Füssen weggezogen, ihr Selbstwert wird zerstört. Je länger das Mobbing andauert, desto schlimmer. Man traut sich nicht mehr, soziale Kontakte aufzubauen, zieht sich zurück. Angst und Depressionen sind oft die Folge. Mobbing ist etwas vom Schlimmsten, was der Psyche der Opfer passieren kann.

Was soll man tun, wenn man gemobbt wird?
Oft schämen sich Opfer und verharmlosen das Mobbing. Doch das ist falsch: Man muss sich Hilfe holen, bei den Eltern, Fachstellen, Lehrern. Wenn man sich das nicht traut, hilft es auch, die Unbeteiligten in der Gruppe, etwa Klassenkameraden auf seine Seite zu ziehen. Viele schauen beim Mobbing nur zu, das hilft den Tätern. Wenn aber ein Unbeteiligter aufsteht und dem Platzhirsch «hör auf!» sagt, dann kann das eine grosse Wirkung haben. In vielen Fällen kann eine Intervention helfen, manchmal ist die Situation aber so schwierig, dass zum Beispiel ein Schulwechsel die einzige Option ist.

Like-Sperre für Instagram?

Cybermobbing Mobbing

Auch Experten fordern Like-Sperre für Instagram

Artikel erschienen am 25. September 2019 in 20 Minuten

Um den Druck auf Social Media zu mildern, fordert Kanye West die Abschaffung der Likes. Auch Schweizer Experten sehen Handlungsbedarf.

Der US-Rapper Kanye West zählt auf Instagram 209’000 Follower. Für seine Posts erhält er regelmässig Tausende Likes. Genau diese Währung will er jedoch abschaffen, denn viele Nutzer würden auf der Suche nach Bestätigung Likes mit Liebe verwechseln. Er fordert deshalb, dass die Like-Funktion deaktiviert werden kann. 

Der Psychotherapeut Marc Stoll kennt die Folgen, die die Jagd nach Likes nach sich ziehen kann. Er berät in seiner Praxis Jugendliche, die einen krankhaften Umgang mit Social Media entwickelt haben. Er nennt das Beispiel einer jungen Frau im zweiten Lehrjahr, die alle 10 Minuten ihre Kanäle nach Likes prüfen musste.

«Schlussendlich half nur noch, die Accounts zu löschen»

«Wenn ein Post gut ankam, bekam sie einen Ego-Boost, ansonsten war sie am Boden zerstört.» Die Fokussierung auf Likes habe dazu geführt, dass die Frau in eine Depression abgerutscht sei. «Schlussendlich half nur noch, alle Accounts zu löschen.» In einer begleitenden Therapie habe sie daneben lernen müssen, wie man ohne Social Media Anerkennung erhält.

Für Stoll ist es ein natürliches Bedürfnis, selbst zu bewerten und sich von anderen bewerten zu lassen. Das hatten Firmen wie Facebook, Instagram oder Snapchat aufgegriffen. Das Problem: «Die Influencer haben den Like-Wahn auf die Spitze getrieben und den Jungen die Idee eingepflanzt, dass sich Erfolg und Beliebtheit in Likes messen lässt.» Stoll betont, dass die meisten Nutzer diese Logik hinterfragen würden und ihr Selbstwertgefühl nicht darauf aufbauen würden. «Gefährdet sind vor allem unsichere junge Menschen, die sich erhoffen, mit Likes ihr Selbstwertgefühl zu steigern.»

Experten befürworten freiwillige Like-Sperre

Auch Franz Eidenbenz vom Zentrum für Verhaltenssüchte Radix berät junge Menschen, die der Like-Sucht verfallen sind. «Besonders gefährdet sind Personen, die im realen Leben wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten.» Problematisch wird es laut Eidenbenz, wenn die Anerkennung auf Social Media wichtiger wird als jene im echten Leben. Er rät seinen Klienten, entweder die Anwendungen auf bestimmte Tageszeiten zu beschränken oder ganz zu löschen. «Klappt das nicht selber, braucht es Eltern oder Angehörige, die den Konsum regulieren – etwa indem sie Sperrfunktionen im Handy aktivieren.» Eine solche gibt es etwa bei den Einstellungen «Bildschirmzeit» bei den iPhones von Apple.

«Aus präventiver Sicht ist es wünschenswert, dass Plattformen wie Instagram oder Facebook eine Möglichkeit schaffen, die Like-Funktion auszuschalten, um das Suchtpotential zu minimieren», sagt Eidenbenz. Die Anbieter müssten dazu stehen, dass ihre Anwendungen ein Suchtpotential bergen, und Regulierungsmöglichkeiten schaffen.

«Für Instagram und Facebook wäre das ein Gewinn»

Eine Funktion, mit der man die Likes deaktivieren kann, würde auch Stoll begrüssen. «Wenn man die eigenen sowie die Likes der anderen nicht mehr sehen könnte, würde der Druck reduziert.» Aus Beratungen sehe er, dass der Ausstieg aus der Like-Spirale von der Community paradoxerweise positiv aufgenommen werde. «Für Facebook oder Instagram wäre eine solche Funktion ein Gewinn», sagt Stoll.

Zürichsee-Zeitung

Filmtherapie - Was ist das?

Filmtherapie Medientherapie

„Filme können verschlossene Türen öffnen“

Interview vom 13. Oktober 2014 in der Zürichsee-Zeitung

Herr Stoll, wenn ich Ihnen meinen Lieblingsfilm verrate, können sie daraus auf meine Persönlichkeit schliessen?
Das wäre natürlich viel zu einfach. Man muss auch genau wissen, was diesen Streifen zum Lieblingsfilm macht und mit welcher Person man sich identifiziert. Durch diese vertiefte Auseinandersetzung erfährt man aber schon viel über einen Menschen.

Sie arbeiten in Ihrer Praxis mit Filmtherapie. Wie unterscheidet sich diese von anderen Formen der Psychotherapie?
Filmtherapie ist keine Therapieform im klassischen Sinne. Es ist ein Einbezug von Filmen in Beratungsgespräche und Coachings. Ich integriere sie in die Therapie, wie andere Ansätze beispielsweise mit Träumen oder Bewegung arbeiten. Ich habe festgestellt, dass es vielen Klienten (statt Patienten) hilft, über ein Drittthema zu sprechen. Filme bieten sich an, wenn sie Geschichten erzählen, die Parallelen zum Leben der Menschen aufweisen. Die meisten Sehnsüchte, Ängste oder Traumatisierungen werden auch in Filmen behandelt.

Inwiefern kann ein Film mein Leben verändern?
Oftmals kostet es viel Überwindung, überhaupt einen Therapeuten aufzusuchen. Die Menschen fürchten sich vor einem Seelenstriptease. Es ist einfacher, in einem ersten Schritt über einen Film zu sprechen, als über die eigenen Probleme. So findet man leichter den Zugang zum Thema und kann Schamgefühle überwinden. Zudem kann es helfen, sich damit auseinanderzusetzen, was einem ein Film sagen will oder welche Möglichkeiten er aufzeigt. Wichtig ist aber, dass ein Transfer ins eigene Leben stattfindet und nach potentiellen Lösungen gesucht wird.

Es findet also eine gewisse Distanzierung statt?
Genau, Filme ermöglichen eine neue Perspektive auf die eigene Situation. Wenn jemand beispielsweise Eheprobleme hat, kann ein Film mit ähnlicher Thematik dabei helfen, heikle oder intime Themen anzusprechen. Zudem wird einem bewusst, dass andere Menschen sich mit ähnlichen Problemen herumschlagen. Filme richten sich schliesslich an ein Millionenpublikum. Das gibt Hoffnung.

Wie läuft so eine Therapie konkret ab?
Niemand kommt zu mir, weil er eine Filmtherapie machen will. Die Leute haben ein Anliegen, in dem sie nicht weiter wissen. Ich frage sie jeweils, ob sie eine Geschichte kennen, die ihre Situation wiederspiegelt. Da kommen oft Lieblingsfilme, aber auch Filme oder Filmszenen, vor denen man sich fürchtet oder die man ablehnt (die man hasst). Es gilt dann herauszufinden, in welcher Rolle der Klient (Patient) sich sieht. Einmal hatte ich mit einem gewalttätigen Jugendlichen zu tun. Zuerst wollte er partout nicht über seine Taten reden. Im Gespräch zeigte sich, dass er ein riesiger „Rambo“ Fan ist. Wir haben über den Film gesprochen und gesehen, dass er sich mit dem vom Vietnamkrieg traumatisierten Hauptcharakter identifiziert. Der junge Mann selbst ist im Bosnienkrieg aufgewachsen. So sind wir langsam an seine eigene Geschichte herangekommen. Er dachte, er könne Probleme wie „Rambo“ mit Gewalt lösen. In einem zweiten Schritt habe ich ihm Spielfilme mitgegeben, die andere Verhaltensweisen aufzeigen und wir haben wirkungsvollere Lösungswege diskutiert.

Gibt es Filme, die sie in Ihrem Alltag besonders häufig brauchen?
Ich gebe meinen Klienten (Patienten) gerne Filme mit, die grosse Fragen aufwerfen. Ein Beispiel ist „The Bucket List“, in dem sich zwei Todkranke ihre letzten Wünsche erfüllen. Dieser Film eignet sich für eine Standortbestimmung. Ich gebe oft auch Fragen ab, sozusagen als Hausaufgaben, wie: „Wo stehe ich in meinem Leben?“ oder „Was würde ich nach so einer Diagnose machen?“ Ich habe Leute erlebt, die aufgrund dieses Filmes wirklich angefangen haben, ihr Leben zu ändern. Zum Beispiel hat ein Geschäftsmann mit Erschöpfungsdepression entschlossen, sich nach Jahren endlich mal wieder Ferien zu gönnen.

Dass Filme einen beeinflussen können, ist verständlich. Aber brauche ich dazu einen Therapeuten?
Die Meisten schauen sich Filme in erster Linie zur Unterhaltung an. Das ist auch gut so und dafür braucht es auch keinen Therapeuten. Bei der Filmtherapie geht es darum, vertiefter zu verstehen, warum mich eine Szene verstört oder anregt, was das mit meinem Leben zu tun hat und welche Handlungsimpulse dadurch entstehen. (einen Handlungsanstoss zu bekommen). Der Therapeut kann diese Auseinandersetzung unterstützen. Mit Kindern drehe ich ausserdem auch eigene Filme. So können sie sich in einem spielerischen Prozess mit Problemen auseinandersetzen.

Besteht nicht die Gefahr, dass man sich durch die Filme von der Realität abkapselt?
Aus diesem Grund ist es wichtig, den Bezug zur eigenen Geschichte zu finden. Man kann das Handeln der Charaktere nicht eins zu eins übernehmen. Ich habe beispielsweise bei der Arbeit mit jugendlichen Straftätern gemerkt, dass diese oft Identifikationsfiguren aus „Der Pate“ oder „Scarface“ haben. Sie sind fasziniert von Gewalt, Drogen und dem schnellen Geld. Negative Konsequenzen wie Gefängnisstrafen blenden sie aus.

Ist also am Klischee, dass Straftäter sich gerne brutale Filme reinziehen, etwas dran?
Dieses Klischee hat durchaus einen wahren Kern. Aber nicht jeder der gerne Mafiafilme schaut ist deshalb ein Straftäter. Ich habe mehrmals psychotische Menschen (Schizophrene) erlebt, die sich nur Horrorfilme ansehen. Das ist vor allem ein Abbild davon, wie sie sich innerlich fühlen und wie sie die Welt wahrnehmen. Es kann ebenso sein, dass jemand nur Rosamunde Pilchner und den Musikantenstadl schaut und alles Negative ausblendet.

Gab es auch in Ihrem Leben einen Film, der Sie stark beeinflusst hat?
Das ist immer wieder vorgekommen. Angefangen hat das schon bei der Berufswahl. Ich fand schon als Jugendlicher Filme mit Therapeuten toll. Oder mit 19 Jahren wollte ich ins Ausland, hatte aber kein Geld. Da habe einen Film über Jugendliche gesehen, die in einen Kibbuz gehen. Zwei Wochen später war ich selbst in einem Kibbuz. Ich brauchte nur einen Anstoss. Dass ich Filme nun in der Arbeit als Therapeut nutze, ist aber aus der Not entstanden. Ich habe im Strafvollzug mit Jugendlichen gearbeitet, die nicht freiwillig in die Therapie kamen und sich verweigerten. Filme waren oft der einzige Zugang und haben verschlossene Türen geöffnet.

Sie sagen, Filmtherapie ist kein „offizieller“ Ansatz. Wie sind sie darauf gekommen?
Filmtherapie kommt ursprünglich aus den USA. Ich habe viel darüber gelesen, fand aber das, was dort angeboten wird, viel zu stark vereinfacht. Es gibt Formeln wie „eine Komödie bei Depressionen“. Ich habe dann selbst viel geforscht und ausprobiert. Mittlerweile biete ich auch Kurse für Arbeitskollegen und Interessierte in Filmtherapie an. (arbeiten aber viele mit Filmen und anderen Medien und führe auch Schulungen durch)

Sie arbeiten auch mit Büchern. Was unterscheidet das Buch vom Film?
Das ist ein grosser Unterschied. An einem Buch ist man viel länger dran. Man setzt sich intensiv mit den Innenwelten, den Gedanken und Gefühlen auseinander. Im Filmen steht vor allem die Handlung im Zentrum. Er regt daher auch eher zum Handeln an. Ich arbeite mit beidem, je nach dem was sich anbietet. Wenn jemand lieber liest, macht es mehr Sinn mit Büchern zu arbeiten. Ich habe jedoch gemerkt, dass eine Filmempfehlung eher angenommen wird als die Aufforderung ein Buch zu lesen.

Flucht in virtuelle Welten?

Onlinesucht Gamesucht

«Eine Kopplung zwischen realer Umgebung und Onlinewelt»

Interview vom 23. Juli 2016 in der Zürichsee-Zeitung

«Pokémon Go» fasziniert derzeit Millionen von Leuten. Wir fragen den Psychologen und Psychotherapeuten Marc Stoll, wieso? Weil es zu einer Kopplung zwischen der realen Umgebung und der Onlinewelt kommt. Jagte man früher die Pokémon im Kinderzimmer auf dem Gameboy, so geht man heute zu Fuss mit dem Smartphone auf Schnitzeljagd im Quartier. Neben dieser Neuheit kommt der Retrofaktor dazu. Wie bei «Star Wars» spricht das Produkt ein generationenübergreifendes Publikum an.

Welche Gefahren lauern beim Spielen von «Pokémon Go»? Das Spiel hat Suchtpotenzial. Zwar freuen sich Eltern und Gesundheitspolitiker, dass dank «Pokémon Go» die Kinder wieder mehr Zeit draussen verbringen und sich bewegen. Aber das Spiel triggert das Gehirn geschickt mit realen und digitalen Reizen und macht somit Lust auf mehr. Dazu kommen die normalen Spielmechanismen von Belohnung und Verknappung der Ressourcen hinzu, die den Spieler zum Dranbleiben und Weiterspielen motivieren.

Ab wann gilt jemand als onlinespielsüchtig?Wenn man Freude und Anerkennung fast nur noch in der medialen Gegenwelt findet und deshalb immer mehr Zeit und Energie in der Onlinewelt verbringt. Süchtige empfinden die reale Welt zunehmend als farblos und beängstigend und ziehen sich von den Herausforderungen des Schul- oder Arbeitsalltags zurück und vernachlässigen ihre Beziehungen.

Was raten Sie Eltern, deren Kinder Anzeichen von Spielsucht zeigen?Zuerst einmal zu überprüfen, ob es sich wirklich um ein problematisches Spielverhalten oder eher um ein exzessives Hobby handelt. Zu meinen Vorträgen erscheinen in der Regel die vorsichtigen Eltern, die selber wenig Erfahrung mit Gamen haben und vorschnell das Hobby ihres Kindes als problematisch betrachten. Beim genauen Hinschauen erkennt man, dass das Kind zwar viel Zeit mit seinem Lieblingsspiel verbringt, in der Schule aber funktioniert, Freundschaften pflegt und im Fussballklub aktiv ist. Auf der anderen Seite kommen die Kinder oft erst dann in meine Praxis, wenn es in der Schule und zu Hause bereits eskaliert ist.

Wie behandeln Sie selber Spielsüchtige? Man kann nicht einfach den Server abschalten oder das Smartphone einsammeln und das Problem ist behoben. Süchtige Menschen haben Angst davor, dass man sie für ihr Verhalten verurteilt und ihnen «ihren Stoff» wegnimmt. Oft verlieren sie sich in der Onlinewelt. Erst wenn ich wirklich verstehe, was die Person als Kompensation sucht und was dazu geführt hat, dass sie sich in der Gegenwelt verloren hat, können wir zusammen eine Brücke indie reale Welt bauen. Etwas vereinfacht gesagt, geht es bei einem chatsüchtigen Menschen darum, dass er oder sie sich wieder getraut, offline mit Menschen in Kontakt zu treten und dabei angenehme Gefühle zu erleben.

Sie haben selbst Kinder: Werden Sie zu Hause auch mit «Pokémon Go» konfrontiert? Da ich viel mit Medien arbeite, informiere ich mich zwangsläufig über alle neuen Hypes, von denen meine Kundschaft spricht. So habe ich kürzlich auch «Pokémon Go» zusammen mit meiner Tochter zu Hause im Garten und in der Umgebung gespielt. Nach 15 Minuten wurde es uns beiden aber langweilig und wir gingen lieber

Diverse Magazine

Sich verändern ändern, aber wie?

Gewohnheiten ändern

Wie verändert man Gewohnheiten?  So klappt es endlich!

Interview mit dem Medbase-Gesundheits-Magazin (2015)

Nach den Ferien verbringen wir weniger Zeit mit unseren Smartphones und dafür mehr Zeit mit unseren Liebsten. Wir schnüren uns wieder regelmässig die Laufschuhe und das Kuchenstück in der Kaffeepause lässt uns ebenso kalt wie der Zug, der schon wieder Verspätung hat.

Mehr Gelassenheit, eine gesündere Ernährung und vor allem mehr Sport sind die Klassiker unter den Vorsätzen von Herr und Frau Schweizer nach Silvester oder nach den Sommerferien. Spätestens im September lösen sich die guten Vorsätze langsam wieder in Luft auf – warum?

Bei der Umsetzung von Vorsätzen geht es um nachhaltige Verhaltensänderungen. Der Mensch ist jedoch ein Gewohnheitstier und verlässt nur ungern seine Komfortzone. Wie Sie es trotzdem schaffen, Ihren Gewohnheiten ein Schnippchen zu schlagen und die eigenen Vorsätze umzusetzen?

 

Wieso ist es so schwierig, die Vorsätze längerfristig einzuhalten?

Weil unser Leben aus Gewohnheiten und Routinen besteht. Das Gehirn speichert gute wie auch schlechte Gewohnheiten als automatisiertes Programm ab, das einfach abläuft. Wenn wir uns Vorsätze machen ist ein bestimmter Teil des Gehirns von dem Entschluss zuerst einmal noch nicht betroffen. Dieser Teil sendet dann weiterhin die alten Signale aus. So bekommt man nach dem Mittagessen Lust auf Kaffee obwohl man sich doch fest vorgenommen hat, darauf zu verzichten. Das Etablieren einer neuen Gewohnheit hat nur dann wirklich Aussicht auf Erfolg, wenn die Bereitschaft, die Wichtigkeit und in manchen Fällen auch der Leidensdruck hoch genug sind. Neujahrsvorsätze sind in der Regel Wünsche, aber keine Projekte. Ihnen fehlt die Energie, damit der Vorsatz in Fleisch und Blut übergehen kann. Vorsätze wie mehr Sport zu treiben oder weniger zu essen entstehen in der Regel als Gegenbewegung zu den Feiertagen. Der fromme Wunsch gepaart mit dem schlechten Gewissen taugt aber wenig als Motivator. Dazu kommt, dass es für das Etablieren einer neuen Gewohnheit in den meisten Fällen viele Monate statt der viel zitierten 30 Tage braucht.

 

Wie schaffen wir es dann, unsere Verhaltensmuster zu durchbrechen?

Indem man sich als ersten Schritt fragt, warum man überhaupt ein altes Muster mit einem Neuen ersetzen will. Kommt der Wunsch wirklich aus der Tiefe oder ist es etwas, das ich denke, tun zu müssen? Viele Träume entpuppen sich hier als Schäume. Danach kommt die Frage der Priorität und der Umsetzbarkeit. Bin ich bereit, für das Projekt die nötige Achtsamkeit, Energie und Zeit zu investieren oder sollte ich meine Vorstellungen der Machbarkeit anpassen? Wenn ich mir als Familienvater mit Kleinkindern und einem 120% Arbeitspensum vornehme, nach Feierabend dreimal in der Woche ins Fitnesscenter zu gehen, kann das frustrierend werden. Zweimal pro Woche 20 Minuten Jogging mit einem Arbeitskollegen über Mittag wäre allenfalls eine bessere Option.

 

Wie schaffen wir es, unsere Vorsätze umzusetzen?

Indem wir aus den vielen Vorsätzen ein konkretes Projekt machen und sofort mit der Umsetzung beginnen. Wenn ich mir vornehme, Kaffee ohne Zucker zu trinken oder die Treppe statt den Fahrstuhl zu nehmen, dann kann ich gleich heute damit beginnen statt bis Neujahr zu warten. Das Projekt sollte klar umrissen und erreichbar sein. Lieber nur eine Gewohnheit konkret in Angriff nehmen statt an drei Vorsätzen grandios zu scheitern. Zu einer seriösen Planung gehört auch die Arbeit mit Schlüsselreizen und Signalen. Ich führe jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen ein 10 minütiges Trainingsprogramm durch. Damit das auch wirklich klappt und ich nicht direkt vom Schlafzimmer zur Kaffeemaschine schlurfe, lege ich die Fitnessmatte am Vorabend vor dem Zubettgehen als Signal auf den Boden. Auch wenn ich dieses Morgenritual seit vier Jahren pflege und als kräftigend und wohltuend empfinde, brauche ich diesen Marker. Wenn ich im Hotel übernachte, fällt das Ritual meistens aus, weil es eine andere Umgebung ist und ich schlichtweg nicht daran denke.

 

Was ist Ihr Tipp, um die Resilienz am effektivsten zu stärken?

Wie es um unsere psychische Widerstandskraft in schwierigen Zeiten steht hat vor allem mit Bindungs- und Prägungserfahrungen aus der Kindheit zu tun. Den einen effektiven Tipp zur Steigerung der Resilienz gibt es meines Wissens nicht, zumal Resilienz aus ganz vielen unterschiedlichen Faktoren besteht. Sie lässt sich auch nicht einfach wie ein Medikament verordnen oder an einem einzelnen Seminar schnell erlernen. Auch wenn das von einigen so propagiert wird. Die Programme, die ich als sinnvoll und wirkungsvoll erachte, zielen eher auf die Stärkung der Achtsamkeit und der Akzeptanz hin. Das sind auch Basiskomponenten der Resilienz. Wer mit sich, seiner Umwelt und seinen Werten in Beziehung ist, findet auch in Zeiten der Aufruhr schneller wieder in die Spur zurück.

 

Was tun Sie, um Ihre eigene Resilienz zu stärken?

Mir helfen tägliche kurze Auszeiten wie das Fitnessprogramm am Morgen sowie Meditations- und Achtsamkeitstrainings um mit auftauchenden destruktiven Gedankenmustern einen besseren Umgang zu finden. Dazu gehört auch die Akzeptanz von unangenehmen Gefühlen und Situationen. Sonnentage gehören genauso zum Leben wie Regentage. Diese banale Weisheit vergisst man leicht, aber hier beginnt für mich die Resilienz. Es bringt nichts, sich über den Regen zu beschweren und wütend zu sein, dass man nass wird. Sich einen Schirm zu kaufen ist effektiver. Seit einigen Jahren setze ich mich auch beherzter für das ein, was mir wirklich wichtig ist. Unter anderem führe ich eine „Bucket-List“ mit allen Dingen, die ich noch erleben, erreichen und tun will bevor ich sterbe. Obwohl ich vermutlich noch weit davon entfernt bin, hilft mir das Wissen um die Endlichkeit. Heute schiebe ich Herzensangelegenheiten weniger lange auf. Etwas vereinfacht gesagt versuche ich mit der mir frei verfügbaren Zeit mehr von dem zu tun, was mich und meine Liebsten wirklich erfüllt.

 

Was ist Ihr persönlicher Vorsatz für die Zeit nach den Ferien?

Ich mache mir in der Regel weniger Vorsätze, sondern eher Projekte. Bei einem Projekt ist die Energie der Aktivität bereits enthalten. Für die kommenden Herbstferien habe ich eine Städtereise eingeplant ohne Laptop! In den letzten Jahren hat es sich eingeschlichen, dass ich noch schnell Mails checkte, Kundenanfragen beantwortete und Texte verfasste. Beim letzten Urlaub habe ich auf das Mitbringen von Laptop oder I-Pad bewusst verzichtet und den Daheimgebliebenen klar kommuniziert, ab wann ich wieder erreichbar bin. Mit dem Resultat, dass ich viel schneller erholt war und den Urlaub bewusster geniessen konnte.

Meetings erfolgreich gestalten, aber wie?

idee

„Immer diese langweiligen Meetings“

Interview mit dem Medbase-Gesundheits-Magazin (2015)

Herr Stoll, was „stresst“ in Meetings?

Der Gründe gibt es viele. Auf der strukturellen Ebene sind es schlechtes Zeit- und Prioritätenmanagement, unklare Führung oder Diskussionen über die Protokollführung. Dazu kommen Seitengespräche, Lästern über Kunden oder selbstdarstellerische Kollegen, die in endlosen Monologen viel Raum einnehmen und nicht gestoppt werden. In letzter Zeit höre ich auch immer wieder, dass Mitarbeiter während Meetings auf dem Natel surfen. Ein Hauptübel ist, dass die Zahl der Meetings, nicht aber deren Produktivität gestiegen ist. Ich kenne Institutionen und Betriebe, da sitzt man auch ohne Traktanden bis zur letzten Minute herum, einfach weil es immer so war. Hier passt das deutsche Wort „Sitzung“ auch besser als Meeting. Man hat das Gefühl, man vertrödelt Zeit, die man woanders besser nutzen könnte. Das stresst und lähmt die Kreativität und die Produktivität.

 

Wie gehe ich mit Nervosität in Meetings um?

Zuerst einmal ist es wichtig, die eigene Nervosität nicht gleich wegmachen zu wollen im Sinne von „jetzt sei doch nicht so nervös“. Besser ist, sich darüber klar zu werden, was konkret das Gefühl der Nervosität auslöst. Gefühle sind nicht einfach unnütz, sie wollen einem etwas sagen. Es ist etwas anderes, ob ich generell Angst vor der Bewertung der Chefin habe oder ob ich schlichtweg unvorbereitet in die Sitzung gehe und hoffe, dass sie mich nicht anspricht. Erst wenn ich mir dessen bewusst bin, kann ich wirksam handeln. Wenn ich einen fachlichen Input halten sollte, aber mein Metier nicht beherrsche, dann nützt mir eine Entspannungsübung vor dem Meeting wenig. Dann bringt nur seriöse Vorbereitung ein Gefühl von Sicherheit.

 

Wie reagiere ich, wenn ein Meeting nicht richtig vorangeht?

Hier stellt sich die Frage, ob es am Thema, an der Sitzungsstruktur, am Sitzungsleiter oder an mir selber liegt? Manchmal ist es wichtig, dass zuerst alle Meinungen Gehör finden, bevor man entscheidet. Ungeduldige Menschen halten diesen Prozess fast nicht aus und müssen lernen, dass nicht immer der direkte Weg zu Ziel führt. Auf der anderen Seite habe ich selber einmal in einer Institution gearbeitet, wo die Meetings ein „Dauer-Gähner“ waren. Der Sitzungsleiter war zwar ein brillanter Denker in seinem Fachbereich, von Menschenführung hatte er aber wenig Ahnung. Als er sich einmal in der Pause beklagte, wie ihn diese Sitzungen anstrengen würden, habe ich ihm vorgeschlagen, dass doch sein Stellvertreter die Sitzungsleitung übernehmen könne. Am Ende waren alle zufrieden. Die Meetings wurden flüssiger und wir konnten von den fachlichen Inputs des ehemaligen Sitzungsleiters profitieren. Fand ich ihn als Sitzungsleiter noch eine Zumutung, so waren seine Beiträge als Teilnehmer eine echte Bereicherung. Leider sind in vielen Betrieben solche Entscheide wegen des Hierarchiegerangels nicht möglich. Freiwillig die Sitzungsleitung abzugeben käme beruflichem Selbstmord gleich. Hier müsste man nach anderen Lösungen suchen.

 

Wie reagiere ich am besten, wenn das Meeting hitzig wird?

Mal davon abgesehen, dass es immer eine Temperaments- und Interpretationsfrage ist, kommt es hier primär drauf an, ob ich Sitzungsleiter, langjähriger Mitarbeiter oder Praktikant bin. Als Sitzungsleiter habe ich nicht nur den grössten Einfluss, sondern bin auch verpflichtet, aktiv einzugreifen, wenn das Meeting destruktive Formen annimmt. Auch hier beginnt die Intervention mit der Analyse. Es kann durchaus sinnvoll sein, wenn es einmal konfrontativ und hitzig wird und die wirklich relevanten Themen so endlich auf den Tisch kommen. Wo „Harmonie-Terror“ und Konfrontationsverbot herrscht ist Stillstand und es entsteht keine Innovation. Wenn aber immer die gleichen Alpha-Männer sich herausfordern und damit Teams und Projekte behindern, da muss das zum Thema werden. Dumm ist es natürlich dann, wenn der Chef selber Teil des Problems ist.

 

Wie lassen sich Hahnenkämpfe vermeiden? Wie gehe ich mit Hahnenkämpfen um?

Wo Menschen zusammen arbeiten gibt es Hierarchien. Das mussten auch soziale Institutionen und Betriebe mit flachen Hierarchien schmerzhaft erkennen. So gesehen lassen sich Revierkämpfe nicht vermeiden oder verbieten. Die Frage ist, bin ich Hahn oder Huhn und wie sieht mein Arbeitsumfeld aus? Aus gekränktem Stolz in einem Machtkampf mit dem Chef vor versammelter Gesellschaft zu gehen halte ich nicht als weise. Da ist es besser, das Ganze an sich vorbeiziehen zu lassen. Allenfalls kann man am Schluss noch so etwas sagen wie „Ich fühle mich durch Ihre Aussage falsch verstanden und zurückgesetzt“. Wenn ich von meinen Gefühlen rede, dann beleidige ich niemanden, gebe aber auch nicht einfach klein bei. Das allerdings ist nur in Betrieben möglich, wo das Reden über Gefühle nicht gleich als Schwäche angesehen wird. Wenn mein Mitstreiter persönlich „auf Mann spielt“ und unfair wird, dann kann man diesen zum Beispiel elegant auffliegen lassen mit einer Bemerkung wie „Wir verlieren an Höhe, Herr Müller“. Leider kommen einem solche Sätze meistens erst dann in den Sinn, wenn das Ganze bereits vorbei ist.

 

Aber ist es nicht manchmal klüger, gar nichts zu tun?

Das trifft in vielen Fällen sicher zu. Wir leben in einer narzisstischen Gesellschaft, wo eine Kritik schnell als Majestätsbeleidigung angesehen wird. Ich hatte es kürzlich mit einem Lehrling im ersten Lehrjahr zu tun, der sich weigerte den Boden der Werkstatt zu wischen und die Aufgabe als Demütigung empfand. Hier wäre es tatsächlich klüger gewesen, den legitimen Auftrag anzunehmen und auszuführen. Wenn ich aber als Chefsekretärin aus Angst jeden potentiellen Konflikt von Anfang an vermeide, dann bin ich im Tiefstatus und werde dementsprechend behandelt. Hier ist es ratsam, sich nicht ständig zum Huhn machen zu lassen und auch einmal auf die Hinterbeine zu stehen und deutlich Position zu beziehen.

 

Was raten Sie, um ein Meeting möglichst stressfrei für alle Beteiligten zu gestalten?

Wenn die wichtigsten Traktanden, die Reihenfolge, die Vorgaben und die Ziele zu Beginn klar sind, dann gibt das Orientierung. Das Meeting sollte auch pünktlich beginnen und enden. So vermeidet man, dass Mitarbeiter zu spät kommen und man endlos Zeit verschwendet, weil man ja weiss, dass man aus dem Vollen schöpfen kann. Wenn man mit den Themen durch ist, darf die Sitzung auch einmal früher zu Ende sein und wird nicht künstlich in die Länge gezogen. So bestraft man nur die Teilnehmer und sendet das Signal aus, dass man beim nächsten Mal doch wieder etwas ausufernder reden könnte. Jeder Mitarbeiter, der am Tisch sitzt, sollte auch wirklich in seinem Bereich einen Beitrag leisten. Es kann nicht sein, dass nur die Hälfte der Anwesenden sich vom Thema wirklich angesprochen fühlt. In einigen sozialen Institutionen herrscht manchmal noch heute der Glaube, dass alle Mitarbeiter zu allem etwas zu sagen hätten. Dass der Psychologe auch über die Pädagogik oder den Kauf des WC-Papiers seinen Senf geben könne. Das ist falsch verstandene Basisdemokratie. Wenn jede Woche endlos über die gleichen Themen diskutiert wird, man in „Lästergeschichten“ hineingerät und eine Episode an die andere reiht, dann muss interveniert werden. Seitengespräche sind ein „No-Go“. Die Stossrichtung sollte nicht darauf gelegt werden, was alles schwierig ist und warum etwas nicht geht, sondern klar nach Vorne. Sonst ist die Gefahr gross, dass man am Ende frustrierter ist als zu Beginn. Nach dem Meeting müssen alle wissen, wer bis wann was zu tun hat. Es versteht sich von selbst, dass das bindend ist und nicht jede Woche die gleichen Aufgaben verteilt werden. Was ich hier erzähle ist nichts Neues. Doch leider harzt es in der Praxis immer an den vermeintlich einfachsten Dingen.

 

Was ist für Sie persönlich ein gutes Meeting?

Jedes Meeting ist ein Erfolg, wenn man mit mehr herauskommt als man hineingegangen ist. Das muss nichts weltbewegendes sein. Mein persönlicher Favorit sind die Meetings, die ich in Form eines Projektauftrages mit zwei Betriebsleitern viermal pro Jahr durchführe. Per Mail bestimmen wir die Prioritäten und treffen uns für einen gemeinsamen Spaziergang von zwei Stunden. Ich bin immer wieder erstaunt über den Fakt, dass ausserhalb der begrenzten Mauern durch den simplen Akt der Bewegung in der Natur die besten Ideen entstehen. Das öffnet die Denkräume und bringt Schwung in die Projekte, so dass wir auch bei schlechtem Wetter und im Winter nicht darauf verzichten.

Geschüttelt, nicht gerührt - Fit altern mit James Bond

Filmtherapie

Psychologisches Geschwafel über den Start von James Bond Skyfall (2012)

Artikel erschienen im SGFK-Bulletin (2012)

Zur aktuellen Ausgabe des SGfK-Bulletins über Gesundheit darf einer nicht fehlen. James Bond. Im neuesten Abenteuer Skyfall , ab November 2012 im Kino, bekommt James Bond es mit einem Gegner zu tun, der direkt im Machtzentrum des britischen Geheimdienstes wütet. Unter der Regie von Sam Mendes liefern sich Daniel Craig und der diabolische Bösewicht Javier Bardem Dialoge der psychoanalytischen Art. James Bond auf der Couch mit Mutterkomplex?

Dabei feiert der berühmteste und rüstigste Geheimagent der Welt doch seinen 50. Geburtstag. Happy Birthday James! Wir Männer sind fasziniert, wie du trotz trockener Martinis und steter Reisetätigkeit fürs Unternehmen immer noch so schlank und rank im Anzug daherkommst und auch in der Badehose eine gute Figur machst.

Allerdings ist mir aufgefallen, dass du in den letzten Filmen etwas schwächelst und die Zeichen der Zeit nicht spurlos an dir vorüber gegangen sind. Das üppige Brusthaar alter Tage ist weg, dafür ist dein Gesicht unrasiert und von tiefen Furchen durchzogen. Ein bindungsunfähiger Killer warst du zwar schon seit „Dr. No“, aber damals hast du Ursula Andres noch ein Ständchen am Strand gesungen bevor du sie verführt hast. Heute ist das mit den Frauen komplizierter geworden als bei Sean Connery, Roger Moore und Pierce Brosnan. Bei Skyfall kommt das Gefühl auf, dass dich der blondierte Bösewicht Silva (Javier Bardem) sexuell mehr anzieht als das brünette Bond-Girl. Klinische Psychologen und Forensiker wie Frank Urbaniok haben ja schon lange vermutet, dass hinter deinem manipulativen Machogetue entweder eine Psychopathie-Diagnose oder eine latente Homosexualität schlummert. Auf jeden Fall ist das mit der Liebe schon dubios, wenn gerade M, die Übermutter des Geheimdienstes zur Frau, respektive zum „Bondwomen“ wird.

Aber was kümmert dich all dieser ganze Psychokram. Schliesslich setzt du dich beim Entschärfen einer Atombombe fürs Gesamtwohl der Menschheit ein. Wenn das kein heimliches Zugeständnis zu ko-evolutionärer Ethik im Sinne der GFK-Bindungsart 7 ist?

Was uns aber wirklich interessiert ist, wie du nach 50 Jahren im Dienste ihrer Majestät es schaffst, immer wieder am Puls der Zeit zu bleiben. Das Geheimnis liegt, wie wir im Film mitbekommen, an deinem Hobby, der „Wiederauferstehung“. Du bleibst am Ball, auch wenn dich alle abschreiben und in Rente schicken wollen. Auch im Lifestyle bist du dir über all die Jahre auf hohem Niveau treu geblieben. Fährst in Skyfall den zeitlos schicken Aston Martin, bindest dir eine Fliege um und gehst unbeirrt als Gentleman deinen Weg. Andrerseits bist du „der“ Trendsetter schlechthin, bekommst von Q die neuesten Gadgets, bist loyal zu deiner Chefin und lässt seit Casino Royal auch Einblick in dein Seelenleben zu. Gerade bei Männern deines Schlages kann ein runder Geburtstag zum Selbsterfahrungskatalysator werden, der einen zurück in die Vergangenheit führt. Wie sonst ist es erklärbar, dass zum 50. Geburtstag der Showdown auf dem schottischen Landgut deiner verstorbenen Eltern stattfindet. Was viele nicht wissen; deine Mutter war Schweizerin. Monique Delacroix wird vom Bond Erfinder Ian Fleming als sportliche Version einer Alpen-Coco Chanel beschrieben, die selbstbewusst, witzig und auch etwas frivol sich einen Schotten geangelt hat. Das erklärt auch, wieso du als Brite Skifahren kannst wie Didier Cuche und flirten wie Gigi von Arosa.

Dein grösster Pluspunkt liegt aber im beherzten Handeln. Du bist und bleibst ein Mann der Tat. Hier unterschiedest du dich von deinen Gegenspielern. Und von vielen Psychologen. Beide Berufsgruppen, Schurken wie Psychologen, haben die Angewohnheit, mehr zu schwatzen als zu handeln. Statt dich zu Liquidieren ereifert sich jeder Bösewicht in grössenwahnsinnigen Monologen und lässt dich davonkommen. Nach 50 Jahren James Bond müsste sich dieser Kapitalfehler doch langsam in der Unterweltschule herumgesprochen haben. Aber nein, das gleiche Spiel passiert immer aufs Neue. Wie bei Täglich grüsst das Murmeltier.

Aufmerksame Kinobesucher hätten diese Lektion bereits 1966, zur Zeit des ersten Bond-Films, lernen können. Im italienischen Western 2 glorreiche Halunken von Sergio Leone wird die Wichtigkeit beherzten Handelns exemplarisch in der Badewannenszene auf den Punkt gebracht. Tuco, ein guter Ganove, wird von einem bösen Ganoven nackt in der Badewanne überrascht. Obwohl das mit Gut und Böse bei Western so eine Sache ist. Für den Zuschauer ist auf jeden Fall klar, dass Tucos letztes Stündlein geschlagen hat. Statt abzudrücken gibt der Schurke aber Geschichten zum Besten und wedelt selbstverliebt mit der Pistole herum. Dann hört man ein Klicken und Tuco gibt in der Badewanne einen Schuss ab. Zwei Dinge können wir daraus lernen. Erstens war es zur Zeit des Wilden Westens salutogenetisch klüger, eine Pistole statt eine Seife mit in die Wanne zu nehmen. Zweitens darf man Reden nicht mit beherztem Handeln verwechseln. Diese Botschaft überliefert Tuco dem Toten gleich mit indem er zu ihm sagt: „Wer schiessen will soll schiessen und nicht quatschen“. Ich gebe zu, das ist triviale James-Bond-Küchenpsychologie. Doch wie oft ertappen wir Klienten und uns selber dabei, dass wir Impulse haben, diese aber nicht zu Ende führen.

Somit lege ich allen Lesern den Gang ins Kino wärmstens ans Herz. Gute Filme bringen den Körper in Schwingung, machen klüger, schöner, jünger und vor allem gesünder. In diesem Sinne, wünschen wir James Bond und dem GFK für die zweite Lebenshälfte alles Gute.

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